„Gesundheitsversorgung in der Total Defence – Resilienz, Ressourcen, Reserven“ lautet das Leitthema des 57. Jahreskongresses der DGWMP e.V., der am 8. Oktober 2026 um 10:30 Uhr im Hotel „Alte Werft“ in Papenburg startete. Schon der erste Vormittag versprach drei spannende Kongresstage.
Das für 2026 gewählte Leitthema des Kongresses macht deutlich, dass Gesundheitsversorgung im Verteidigungsfall nicht nur militärisch gedacht werden darf, sondern immer im Sinne der Gesamtverteidigung betrachtet und geplant werden muss – und das über nationale Grenzen hinaus.
Die wissenschaftlichen Leiter des Kongresses, Generalarzt Dr. Rolf von Uslar und Oberstarzt d.R. Prof Dr. Hermann Römer, hatten ein umfangreiches und anspruchsvolles Programm zusammengestellt, bei dem Vortragspanels, Workshops, Sitzungen der Arbeitskreise und nicht zuletzt wissenschaftliche Wettbewerbe teilweise parallel stattfanden.
Nicht nur die Vortragsveranstaltungen, sondern die am Rande geführten Gespräche machen den Spirit eines Präsenzkongresses aus und sind durch noch so perfekte Video-Sessions auch nicht annähernd zu ersetzen. Das gilt auch für die Kontakte und Diskussionen zwischen den mehr als 295 Teilnehmenden, die am Rande einer den Kongress begleitenden Industrieausstellung erfolgen. Zu dieser hatten auch in diesem Jahr wieder 65 ausstellende Firmen den Weg nach Papenburg gefunden.
Das Hotel „Alte Werft“ wurde aus guten Gründen zum wiederholten Mal als Tagungsort für den Jahreskongress der DWMP e.V. gewählt. Es bietet gemeinsam mit dem benachbarten Hotel „Best Western“ ein ausgezeichnetes Kongress-Ambiente und verfügt über alle erforderlichen technischen Voraussetzungen für Plenarvorträge, Arbeitskreissitzungen, Posterpräsentationen, Wettbewerbe und die Industrieausstellung.
„Wenn ein Mensch verletzt ist, braucht er Gewissheit, dass Hilfe kommt, dass jemand weiß, was zu tun ist. – Wenn ein Mensch bedroht ist, braucht er Gewissheit, dass jemand für seinen Schutz einsteht, dass er der Gefahr nicht allein ausgesetzt ist. Dasein und Helfen, dieser Gedanke, ja diese Pflicht, verbindet uns alle hier im Saal.“
Mit diesen Worten leitete Mike Mann, Angehöriger des DRK Hessen, seine Moderation zur Kongresseröffnung ein, bevor der Geigenvirtuose Guido Eva aus Oldenburg die Anwesenden mit einem Präludium von Johann Sebastian Bach auf das weitere über Programm einstimmte.
Der Tagungspräsident, Oberstleutnant Stephan Wüsthoff, begrüßte die Teilnehmenden im gut besuchten Plenarsaal und leitete zu den Grußworten über.
Der Kongress erweckte – wohl auch aufgrund der hohen Aktualität des Leitthemas – über die Wehrmedizin und Wehrpharmazie hinaus große Aufmerksamkeit. Die zahlreichen Grußworte zu Beginn geben davon Zeugnis.
In diesem Jahr hatte der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Henning Otte, die Schirmherrschaft übernommen. Er wandte sich in einer Videogrußwort an die Teilnehmenden und betonte die hohe Aktualität des Kongressthemas. Die Aufrechterhaltung einer funktionierenden Gesundheitsversorgung sei elementar für die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands. Dabei reiche die Bedeutung des Sanitätsdienstes weit über die Bundeswehr hinaus. Die DGWMP e.V. mit ihren mehr als 4000 Mitgliedern sei dabei ein ganz wesentliches Element für den Brückenschlag zwischen den Akteuren der militärischen und zivilen Gesundheitsversorgung.
Im Namen des Niedersächsischen Ministerium für Inneres, Sport und Digitalisierung wandte sich Landesbranddirekor Dieter Rohrberg an das Auditorium. Er betonte, dass die Resilienz des Gesundheitssystems elementar für die Resilienz des Gesamtsystems sei. Die offenen Fragen seien vielfältig. Der Kongress könne helfen, in einigen Fällen Antworten zu geben. Vor allem hatte er die Botschaft, die aus einem alten Feuerwehrspruch stammte: „Vor der Krise Köpfe kenn ist die halbe Miete!“ Und da sei der Kongress ein sehr geeignetes Mittel.
In seinem Grußwort ging der Präsident der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e. V., Dr. Hans-Peter Bartels, auf die Sicherheitspolitischen Rahmenrichtlinien aus dem Jahre 2024 ein. Er betonte, dass von den nach den Richtlinien im Frieden vorzubereitenden Maßnahmen einige erfüllt seien, vor allem weil man sie nach Ende des kalten Krieges nicht alle aufgehoben habe. Beispielhaft nannte er die Dieselreserve, Getreidevorräte, Lebensmittellager usw., die zum Teil noch existierten. Man dürfe auch nicht verkennen, dass der Faktor Hilfsbereitschaft im Rahmen der Zivilverteidigung eine erhebliche Rolle spiele.
Prof. Dr. Udo X. Kaisers, Leitender Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Ulm, stellte zu Beginn seines Grußworts die Frage „Werden wir es schaffen, wie die Ukraine etwa 70% der Verwundeten wieder einsatzfähig zu machen?“ Er vermisse in der öffentlichen Diskussion über die Verteidigungsfähigkeit die Aufrechterhaltung der Gesundheitsversorgung als elementaren Faktor in der Gesamtverteidigung. Es sei für ihn auch eine ethische Pflicht, verwundete Soldaten wieder gesundheitlich zu rehabilitieren. Dabei könne man von der Ukraine lernen. Ziel und Anspruch müsse es sein, eine ähnliche Rehabilitationsquote wie dort auch bei uns zu erreichen.
Den Reigen der Grußworte beendete Prof. Dr. Tim Pohlemann, bis 2024 Ärztlicher Direktor der Klinik für Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Sprecher des Wehrmedizinischen Beirats. Nach seiner Ansicht sei seit Beginn der „Zeitenwende“ eine Menge passiert und man wisse, mit welcher Zielsetzung was zu machen sei. Leider sei es auch in einigen Bereichen zu übertriebenem Aktionismus, zur Ausbildung von Doppelstrukturen und zu Doppelarbeit gekommen. Es gebe Ressourcen, wobei er als Beispiel 160 000 Betten in Rehakliniken nannte, wo zumindest eine minimale Basisversorgung möglich sei, die im Verteidigungsfall ausgebaut werden könne. Für ihn seien pragmatische Lösungen wichtig, nach dem Motto: „Besser eine schnell realisierte zweitbeste Lösung als eine über Jahre entwickelte und diskutierte optimale Lösung, die dann evtl. doch nicht realisiert werden kann.“
Oberstapotheker Dr. Bernd Klaubert, seit Dezember 2025 Präsident der DGWMP e.V., konnte nach den Grußworten den 57. Jahreskongress der Gesellschaft eröffnen. Er begrüßte alle Anwesenden und gab seiner Freude über die rege Teilnahme vor allem auch aus dem internationalen Bereich Ausdruck. Gäste aus sieben Nationen konnten begrüßt werden.
Dr. Klaubert knüpfte an die Grußworte des Wehrbeauftragten des Deutschen Bundetages an und betonte die Rolle der DGWMP e.V. als Brückenglied zum zivilen Gesundheitswesen, wobei er ergänzte, dass dieser Brückenschlag wie in keiner anderen Fachgesellschaft über alle Approbationen hinweg unter Einschluss der medizinischen Fachberufe hier möglich sei.
In guter Tradition wurden zu Kongressbeginn die Lehrgangsbesten der Laufbahnlehrgänge im Sanitätsdienst mit der Ehrenmedaille des Präsidenten der DGWMP e.V. für ausgezeichnet. Lehrgangsleistung und vorbildliche Pflichterfüllung werden mit dieser Auszeichnung gewürdigt. In diesem Jahr durften sich über die Auszeichnung freuen:
Fähnrich Dennis Mattusch (Fahnenjunkerlehrgang für Offizieranwärter des Truppendienstes im Sanitätsdienst der Bundeswehr) konnte leider nicht persönlich an der Verleihung der Medaillen teilnehmen.
Nach einem musikalischen Intermezzo von Guido Eva führte Generalarzt Dr. von Uslar in den wissenschaftlichen Teil des Kongresses ein. Er konnte mit einer Besonderheit aufwarten, wurde doch der Festvortrag in diesem Jahr von zwei Experten gehalten, die die Anwesenden aus mehr als berufenem Munde auf das Leitthema „Total Defence“ des Kongresses einstimmten. General Markus Laubenthal, Chief of Staff SHAPE, per Video zugeschaltet aus der laufenden NATO-Übung „STEADFAST DART“ führte in die aktuelle Entwicklung der NATO-Konzeption ein und betonte, dass eine gut vorbereitete Verteidigung die glaubwürdigste Abschreckung sei. Übung, Übung und nochmals Übung sei gefordert, um die notwendige Readiness zu erreichen. Readiness beginne im Kopf des Einzelnen. Sie erfordere eine gesamtstaatliche Anstrengung unter Einbeziehung auch der Industrie. Übungskünstlichkeiten könne man sich nicht mehr leisten. Glaugwürdige Abschreckung müsse jeden Tag neu gedacht und weiterentwickelt werden.
Generalapotheker Benno-Heinz Schade, J1 Shape, schloss daran an und stellte Maßnahmen und Planungen vor, die seitens SHAPE getroffen wurden und werden. Die auf Friedensmissionen ausgerichtet Planung der letzten 30 Jahre werde durch das neue Streitkräftemodell abgelöst. Dessen Schwerpunkte seien die Schaffung einer schlagfähigen Führungsstruktur sowie präsente und skalierbare Kräfte an der gesamten Ostflanke der NATO, die auch über regionale Erfahrungen verfügen. Verstärkungen sollen durch rasch verlegbare Rapid Reaction Forces erfolgen, die sehr kurzfristig verlegbar sein müssen. Es gelte, rasch und stark zu reagieren. Protrahierte Kampfhandlungen müssten unter allen Umständen vermieden werden. Skalierbare Kräfte setzten im Bereich der Logistik skalierbare Lieferketten – auch seitens der Industrie – voraus. Fähigkeitslücken müssten schnell und nach NATO-Vorgaben geschlossen werden.
Mit einer eigenen Improvisation beendete Guido Eva die Feierliche Kongresseröffnung musikalisch.
Nach offizieller Eröffnung der Industrieausstellung und einer kurzen Mittagspause – die zu ersten Gesprächen einlud – startete das wissenschaftliche Programm. Auf dem Vortragsprogramm standen Themen aus den Bereichen Gesundheitssschutz, Führung in der Gesundheitsversorgung. U.a. waren das NATO Patient Flow Management sowie Betrachtungen zur Bedeutung der Reserve im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung in diesem Panel diskutierte Schwerpunkte.
Das Panel Patientenversorgung I behandelte Themen wie Taktische Medizin bzw. Medizinische Ausbildung. Oberst Kovyda vom Ukrainischer Sanitätsdienst machte in seinem Vortrag zum Thema „Resilience, Resources and Reserves“ deutlich, wie die Realität der Gesundheitsversorgung in einem Land aussieht, dass seit vier Jahren von einem barbarischen Angriffskrieg überzogen wird.
Im Panel der Sanitätsoffizieranwärter wurde aus einer anteiligen Zeit in den USA im Rahmen des Praktischen Jahres in der Medizinerausbildung berichtet. Ebenso standen der Vergleich der ballistischen Wirkung verschiedener Waffen und Das Thema „DACKEL – Thermophysiologische Untersuchung einer Unterziehweste“ auf der Tagesordnung.
Mit einem Get-together im Bereich der Industrieausstellung ging der erste Kongresstag zuende.